Neu: Bei Rezeptänderung gratis Umtausch

Tages Anzeiger vom Samstag 13. August 2011

Die Erfinderin der Farblinse verkauft Ihre Sehhilfen nun per Internet

Pionierin. Heute mal grüne statt blaue Augen?

Jacqueline Urbachs Erfindung macht es möglich. Die Optikerin, die in Dübendorf einen Online-Shop für Kontaktlinsen führt, hat vor 50 Jahren die Farblinse entwickelt.

Isabel Plana

Sie schmunzelt. Nein, ihr Alter verrate sie nicht. Nur so viel: Eigentlich wäre sie schon lange pensioniert. Das hält Jacqueline Urbach jedoch nicht davon ab, jeden Morgen nach Dübendorf zu fahren, wo sie zusammen mit ihrem Sohn ein Kontaktlinsen-Geschäft betreibt. Arbeit ist ihr Lebenselixier. «Jeder Tag stellt mich vor eine neue Aufgabe», sagt Urbach, «das hält mich jung.» Zügigen Schrittes durchquert sie die Firmenräumlichkeiten. Regal an Regal reiht sich dort aneinander, von oben bis unten gefüllt mit kleinen Schachteln, Kontaktlinsen für jeden Bedarf. 800 bis 1200 Bestellungen gehen via Internet pro Tag ein, und Tausende von Kontaktlinsen werden von Dübendorf aus in mehrere Länder Europas verschickt. Innert weniger Jahre ist das Unternehmen zum grössten Online-Kontaktlinsenanbieter der Schweiz geworden. Urbach hatte schon immer ein Auge für erfolgreiche Geschäftsideen – und den nötigen Durchhaltewillen, sie umzusetzen.

Eine Schweizer Erfindung

Mitte der 1950er-Jahre wandert Urbach nach Kalifornien aus. In Los Angeles gründet die gelernte Optikerin 1958 ihre eigene Kontaktlinsen-Firma. Die Kontaktlinsen-Industrie steckt zu jener Zeit noch in den Kinderschuhen; weiche Kunststoff-Linsen gibt es noch nicht. Die Hersteller versuchen sich erstmals in der Einfärbung der kleinen runden Dinger. «Diese frühen Modelle sahen allerdings sehr unnatürlich aus», erinnert sich Urbach. Eine Marktlücke, denkt sich die Schweizerin, und beginnt an der Entwicklung neuer Herstellungsverfahren und Materialien für Farblinsen herumzutüfteln. «Eine Furz-Idee eigentlich», meint die Pionierin im Nachhinein lachend. Das muss sie sich zu jener Zeit auch von ihren Mitstreitern und Kollegen anhören. «Die haben mir nur wohlwollend auf die Schulter geklopft und den Kopf geschüttelt. Es gibt Wichtigeres als Farblinsen, fanden sie.»

Ihr Geschäftssinn sollte sich jedoch als goldrichtig erweisen. Wo, wenn nicht in Hollywood, dem Zentrum der Film-Industrie, dem Mekka der Stars und Sternchen, sollten sich farbige Linsen besser verkaufen lassen? Nach langem Experimentieren hat Urbach das geeignete Rezept für die Farblinse gefunden, die an das natürliche Erscheinungsbild der Iris herankommt. 1968 meldet sie ihre Entwicklung zum Patent an. «Noch heute basiert die Herstellung im Wesentlichen auf meinem Verfahren», sagt Urbach, «darauf bin ich schon stolz.»

Man nehme einen Stapel Bücher

Doch damit nicht genug. Urbach tüftelt weiter, probiert neue Materialien aus, sucht nach der optimalen Kunststoffzusammensetzung – und trägt damit massgeblich zur Entwicklung der weichen Kontaktlinse bei, die heute von der Mehrheit der Linsenträger bevorzugt eingesetzt wird. Woher sie sich das Wissen und die Fertigkeiten dazu angeeignet habe? «Ich habe mir einen Stapel Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen und sie gelesen» erzählt Urbach lachend. «Man kann alles lernen wenn man will.»

Aus den Büchern erfährt Urbach alles Nötige über die Chemie der Kunststoffe, über Techniken und Instrumente zu deren Verarbeitung. Sie holt sich Ratschläge bei einem Chemiker, kauft Material und Maschinen und legt los. «Monatelang habe ich am idealen Mischverhältnis der einzelnen Komponenten experimentiert, bis ich das Ziel erreicht habe: eine weiche und dennoch widerstandsfähige Linse, die länger als eine Woche tragbar ist.»

Als eine der Ersten bringt Urbach die weiche Kontaktlinse auf den Markt. Ihre Firma, die Urbach Optical Company, gehört schon bald zu den zehn grössten Kontaktlinsen-Herstellern der USA. Das ruft auch die Grosskonzerne auf den Plan, die ihr Interesse an den Urbachschen Patenten anmelden. Die Schweizerin verkauft ihre Firma und kehrt Anfang der 1970er-Jahre in die Heimat zurück.

Erster Anbieter in der Schweiz

Ihre Erfolgsgeschichte ist damit aber noch nicht zu Ende geschrieben. Zurück in Zürich gründet sie das Urbach Kontaktlinsen-Institut – den ersten Kontaktlinsen-Anbieter der Schweiz. «Und lange auch der Einzige, bei dem man Linsen gratis Probetragen konnte.» Auch das eine Urbachsche Erfindung. «Innovation war für mich immer eine treibende Kraft», meint sie. «Als Kind habe ich mir mein Spielzeug selber gebastelt, weil mir meine Eltern keines kauften. Das hat meine Kreativität gefördert.» Und die ist auch nach langen Jahren im Kontaktlinsen-Business nicht erschöpft. «Mir gehen die Geschäftsideen nicht aus», meint Urbach schmunzelnd. Sie selber trägt übrigens auch Kontaktlinsen. Manchmal auch farbige. So oder so funkeln ihre Augen, wenn sie von ihrem Leben erzählt – egal, ob grün oder blau.